Während meines letzten Schweige-Retreats kam nach einigen Tagen plötzlich eine alte Erinnerung zum Vorschein: Ich erinnerte mich an eine Situation, in der ich mich nicht besonders elegant und weise verhalten hatte.
Die Erinnerung blieb haften und tauchte einige Tage lang regelmäßig auf, zusammen mit verschiedenen „unangenehmen” Emotionen. Das ging so weiter, bis ich mich plötzlich fragte: „Was passiert hier eigentlich?” Spontan kam mir ein Wort in den Sinn, das ich in meinem Leben noch fast nie benutzt hatte, wahrscheinlich, weil es selbst Abneigung hervorrief und immer tabu gewesen war. Es war das Wort „Selbsthass”.
Ich erkannte: „Dies ist eine Situation, in der Selbsthass eine Rolle spielt und wuchert.”
Diese Erkenntnis und das achtsame Anerkennen sorgten dafür, dass dieses schmerzhafte Thema auflöste und einer tiefen, verbundenen Ruhe Platz machte.
Paul Gilbert, klinischer Psychologe und Entwickler der Compassion Focussed Therapy (CFT), unterscheidet zwischen dem „unzulänglichen Selbst“ (Enttäuschung) und dem „gehassten Selbst“. Letzteres ist gekennzeichnet durch aktive Feindseligkeit und den Wunsch, sich selbst zu bestrafen.
Im Nachhinein wurde mir auch klar, wie oft ich mich in meinem Leben selbst behindert und sabotiert habe – sichtbar und unsichtbar, offensichtlich und subtil. Mir wurde auch klar, dass dies nicht nur bei mir so geschieht, sondern dass es sich um eine allgemeine menschliche Neigung oder ein Muster handelt, das viel Leid mit sich bringen kann.
Das achtsame Erkennen kann als heilsame und erweiternde Antwort oder als homöopathisches Gegenmittel betrachtet werden.
Darüber hinaus kann die Kultivierung von Mitgefühl sehr heilsam für unsere Beziehung zu uns selbst und anderen sein. „Liebe, Mitgefühl und Toleranz sind kein Luxus, sondern Grundbedürfnisse. Ohne sie kann die Menschheit nicht überleben”, hat der Dalai Lama einmal gesagt.
In dem von Erik van den Brink und mir entwickelten Mitgefühlstraining Mindfulness-Based Compassionate Living (MBCL) beleuchten wir das Thema Mitgefühl für sich selbst und für andere auf nicht-religiöse Weise. Das evidenzbasierte Training ist als Vertiefungstraining für Menschen konzipiert, die bereits seit einiger Zeit mit der Praxis der Achtsamkeit vertraut sind.
Studien zeigen: MBCL unterstützt Menschen effektiv und nachhaltig dabei, mehr Selbstmitgefühl zu entwickeln und es lindert Selbsthass und Selbstkritik. Das kommt nicht nur ihnen selbst zugute, sondern auch anderen.
Herzliche Willkommen.
